Sommerfrische Wülfringhausen

Facharbeit im Erdkunde/Geschichte Kurs

Dezember 2004

vorgelegt von

Brian Marvin Göbel

Inhaltsverzeichnis:1 Einleitung


Zu Beginn des 20. Jh. war das Oberbergische rückständig: Ärmliche Bauernhöfe mit kargen Böden sorgten für geringe Erträge in der Landwirtschaft, außerdem schmälerte die fehlende Verkehrsanbindung (Eisenbahn) die industrielle Entwicklung, die besonders in den Groß-städten vorangetrieben wurde. Aber jedoch genau deshalb verstärkte sich der Wunsch der Stadtbevölkerung, fernab der großen Städte in der idyllischen Natur Urlaub zu machen. Dies erkannte der Oberbergische Kreis und im Besonderen die Gemeinde Wiehl (einschließlich Wülfringhausen) und versuchte, daraus Kapital zu schlagen, indem man sich auf die Sommerfrischler einstellte.

2 Voraussetzungen für den Tourismus


Bevor die ersten Sommerfrischler nach Wiehl und damit auch nach Wülfringhausen kommen konnten, mussten neben der Verkehrsanbindung durch die Eisenbahn auch Anreize für Wiehl geschaffen bzw. gefördert werden. Dieser Punkt geht deshalb auf die Voraussetzungen für den nachher so erfolgreichen Sommertourismus in Wiehl und Wülfringhausen ein. Neben den in diesem Punkt behandelten Anreizen lag das besondere Interesse an Wiehl auch an einem außergewöhnlichen Flair. Man bezeichnete sich als „städtisch angelegter, freundlicher Ort“, was zum einen an dem gepflegten Ortsbild, was auch auf Wülfringhausen zutrifft, zum anderen an den zahlreichen Veranstaltungen wie etwa dem Kriegerfest liegt.

2.1 Die Eisenbahn


Die Voraussetzung für den Tourismus war die Anbindung an das Eisenbahnnetz, ohne die die Anreise nach Wiehl nicht möglich gewesen wäre. Diese Wichtigkeit zeigt sich darin, dass im Reiseführer „Wiehl im Oberbergischen“ in den Anzeigen von Emil Dißmann und Frau Witwe Weber die Nähe zum (Staats-)Bahnhof (10 Min.) ausdrücklich erwähnt wird (siehe Abb. 1 u. 2). Außerdem enthielt er einen Eisenbahnfahrplan der Strecken Köln-Deutz – Wiehl, Elberfeld – Wiehl, Hagen – Wiehl, Olpe – Wiehl und Wissen – Wiehl (siehe Abb. 3). Zu diesem Thema bietet besonders das Buch „Chronik von Wiehl 1131-1920“ von Ulrich Melk viele Informationen.

Vor Beginn des Eisenbahnbaus erließ am 3. November 1838 der preußische Staat das Gesetz über Eisenbahn-Unternehmungen welches regelte, dass der preußische Handelsminister den Bau von privater und staatlicher Seite genehmigte. „Angesichts der knappen Staatsfinanzen lag der Bahnbau zunächst allerdings größtenteils in der Hand von privaten Gesellschaften“ (U. Melk, 2001,S. 237). Da das Oberbergische jedoch als sehr unrentabel schien und der Bau nicht leicht war, sahen es weder die Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft, eine englische Eisenbahngesellschaft und später auch die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft, die alle eine Konzession auch für das Oberbergische erhielten, als nötig an, eine Eisenbahn-verbindung durchs Oberbergische zu legen. „Mit dem Eintritt in die Ära der Staatsbahnen kam Bewegung in die oberbergische Eisenbahnfrage“ (U. Melk, 2001, S. 277). So konnte 1884 endlich die erste Eisenbahn von Siegburg Ründeroth erreichen und weitere Verbindungen sollten bald folgen. Trotz dieser ersten Anfänge hatte die Eisenbahn Wiehl noch lange nicht erreicht. Da der Staat nicht die gesamten Kosten übernehmen wollte, lag es größtenteils an den Industriellen und den Gemeinden Drabenderhöhe und Wiehl, das benötigte Geld zu beschaffen. Jedoch konnten auch diese Hindernisse überwunden werden, obwohl für die Grunderwerbskosten der Strecke Osberghausen – Wiehl am Ende 134.126,68 Mark anfielen, konnte am 21. April 1897 der erste Zug Wiehl erreichen.

Wiehler Attraktionen

Bauliche Sehenswürdigkeiten/ Attraktionen

Der 1926 erschienene Reiseführer „Wiehl im Oberbergischen“ gibt Aufschluss darüber, was die Stadt Wiehl ihrer Meinung nach als interessant für die Sommerfrischler hielt:

Als „bauliche Hauptsehenswürdigkeit“ nennt der Reiseführer die 1131 erstmals im Ver-zeichnis der oberbergischen Kirchen des Cassiusstifts in Bonn erwähnte Kirche. Die alte Kir-che mit ihrem romanischen Turm aus der Zeit um 1200 hatte drei Glocken mit einem berühm-ten Dreiklang, jedoch wurden zwei von ihnen während des 1. Weltkrieges beschlagnahmt.

Eine weitere bauliche Sehenswürdigkeit war der 1909 aus Spendengeldern erbaute Bismarck-turm. Solche Türme wurden überall im Oberbergischen Land gebaut. „Die Aussichtstürme waren sozusagen die Visitenkarte der Landschaft“ (J. Woelke, 1989, S.107).

Nur durch Zufall wurde um das Jahr 1860 die Wiehler Tropfsteinhöhle, eine für das Oberbergische außergewöhnliche Attraktion, während Sprengarbeiten entdeckt. Jedoch dachte man damals zu keiner Zeit an den möglichen Profit und die große Bedeutung, für den sich erst später entwickelnden Fremdenverkehr. Erst 1922 erkannte man das große Potenzial der Höh-le, die bis dahin für jeden zugänglich war. Außerdem durfte sich bis dato jeder „Besucher“ ein oder mehrere Andenken mitnehmen, was der Höhle sicher nicht zuträglich war. Nebenbei diente sie auch als Schuttablagestätte. 1925 begannen die sog. Notstandsarbeiten, in die viele Arbeitslose eingespannt waren. Erst musste die Höhle begehbar gemacht werden, außerdem wurde elektrisches Licht installiert, bevor am 4.8.1927 die Höhle feierlich eröffnet wurde. Durch den ersten Besucherandrang bestätigt, wurde deshalb 1929 der „Waldgasthof“ an der Tropfsteinhöhle eröffnet. Ein Rechnungsbericht dieser im Oberbergischen einmaligen Attraktion zeigt die höchsten Einnahmen im Jahr 1938, das mit einen Besucherrekord von mehr als 26.000 Besuchern zu Buche schlägt. Der Einbruch nach 1938 ist durch den 2. Weltkrieg zu erklären.

Jahr Einnahmen

1936 9.485,40 RM

1937 9.312,-- RM

1938 10.013,-- RM

1939 8.735,10 RM

1940 2.810,-- RM

1941 3.195,60 RM

1942 2.767,10 RM

1943 1.209,30 RM

1944 559,80 RM

1945 -,-- RM

1946 2.025,-- RM

Quelle: Archiv Wiehl 1427, Schreiben der Gemeindeverwaltung an das Finanzamt Gummers-bach, betr. Einnahmen aus der Tropfsteinhöhle in den letzten 10 Jahren

Eine zweite außergewöhnliche und damit sehr Tourismus fördernde Attraktion war das Luft- und Schwimmbad Wiehl. Es ist besonders den Einwohnern der Stadt zu verdanken, dass das Schwimmbad am 10.7.1932 eingeweiht werden konnte, da sonst die sehr kostspielige Finan-zierung nicht möglich gewesen wäre.


Die Natur

Neben diesen Sehenswürdigkeiten war der Hauptanreiz natürlich die idyllische Natur, wes-halb die Gasthöfe mit ihrer beschaulichen Lage, gutem Ausblick und ihrer Veranda warben. Der Reiseführer „Wiehl im Oberbergischen“ enthielt auch Wandertouren und Spaziergänge, die die Touristen auf eigene Faust unternehmen konnten.

Technischer Fortschritt

Auch der technische Fortschritt war ein wichtiger Werbefaktor. Zum einen warben die Pen-sionen mit elektrischem Licht, das seit 1903 in Wülfringhausen verfügbar war. Auch erwähnt eine Anzeige der Pension Frau Wwe. Karl Weber die Möglichkeit, zu baden. Aus den Quellen der 1905 gegründeten Wasserleitungsgenossenschaft geht hervor, dass man das Dorf 65 Jahre mit Wasser versorgen konnte, bis 1972 die Wasserversorgung von der Stadt Wiehl übernom-men wurde, weshalb 1975 die Wasserleitungsgenossenschaft aufgelöst wurde. Die oben ge-nannten Fakten lassen darauf schließen, dass Wülfringhausen seit 1907 mit Wasser versorgt wird und somit fließendes Wasser in den Pensionen zur Verfügung stand. Außerdem lobten die Pensionen ihre „anerkannt“ gute Küche, mit der sie die Gäste bis zu vier Mal am Tag ver-pflegten. Die Verbindung zu Wiehl war ein weiterer wichtiger Punkt. Das lässt sich daraus schließen, dass die Straße Wiehl – Wülfringhausen von 1910 bis 1914 mit einer Steindecke ausgestattet wurde, um den Touristen eine bessere Verbindung zu ermöglichen. Diese Investi-tion hatte ihren Nutzen, wie man u.a an dem Verwaltungsbericht der Gemeinde Wiehl für das Jahr 1929 erkennen kann:

„Nach annähernd festgestellten Zahlen wurden in unserer Gemeinde rd. 200 Sommergäste an etwa 25.000 Verpflegungstagen beherbergt. Unter Zugrundelegung eines Durchschnitts-pensionspreises und unter Berücksichtigung der Ausgaben der Fremden für persönlichen Aufwand, Verkehr usw. dürfte sich eine Summe von mindestens 150.000 RM ergeben, die der Fremdenverkehr in unsere Gemeinde hereingebracht hat, eine Summe, die das Wirtschafts-leben unserer Gemeinde immerhin günstig beeinflusst hat.“

3 Die Sommerfrische in WülfringhausenPensionen in

Die Quellen für die Recherche der Pensionen basieren auf dem schon genannten Reiseführer „Wiehl im Oberbergischen“, in der die 1926 bestehenden Sommerfrischen genannt werden sowie zwei Anzeigen von Pensionen aus Wülfringhausen und der Dorfchronik von Wülfring-hausen, bei der besonders die Fotos Aufschlüsse über Sommerfrischen gaben:

Die Pension Emil Dissmann / Dißmann (je nach Quelle verschieden geschrieben, dennoch ist es mit absoluter Sicherheit dieselbe Person) ist sehr oft genannt, sie erscheint im Sommer-frischenverzeichnis und im Inserententeil. Der Pensionspreis betrug 4,50 RM und neben dem elektrischen Licht wurde besonders auf die schöne Veranda hingewiesen, die in der Anzeige gut zu erkennen ist. Außerdem gibt es in der Dorfchronik ein Foto der Pension (Siehe Abb. 1 u. 4).

Genauso oft vertreten wie die Pension Emil Dissmann ist die Pension Frau Witwe Weber, in der die Übernachtung ebenfalls 4,50 RM kostete. Neben dem elektrischen Licht wird beson-ders die idyllische Lage, das Bad und die vorzügliche Küche mit vier Mahlzeiten pro Tag er-wähnt. Außerdem gibt es in der Dorfchronik ein Foto der Pension (Siehe Abb. 2 u. 11).

Die Pension der Geschwister Noß ist auch im Fremdenführer erwähnt und in der Dorfchronik abgebildet, in Punkt 3.2 wird noch genauer auf sie eingegangen (Siehe Abb. 9).

Die Pension Fritz Weber ist in der Auflistung der Sommerfrischen in „Wiehl im Ober-bergischen“ zu finden und unter dem Namen Friedrich Weber im Fotoarchiv der Dorfchronik. Dass mit Fritz und Friedrich Weber die gleiche Person gemeint ist, konnte mir Herr Heuser, der Vorsitzende des Gemeinnützigen Vereins Wülfringhausen e.V., bestätigen (Siehe Abb. 6 u. 8).

Spuren der Sommerfrische

Die ehemalige Pension der Geschwister Noß ist in der heutigen Form kaum wiederzuer-kennen und zugleich ein sehr bedeutendes Gebäude in Wiehl, da sie 1949 von Schwestern des Altenzentrums Bethlehem – Tabea in Lodz gekauft wurde und mit der Zeit zu dem heutigen Zustand erweitert wurde (Siehe Abb.9 u. 10).

Aus der schon im Punkt 2.3 genannten Wasserleitungsgenossenschaft wurde der Gemein-nützige Verein Wülfringhausen e.V., der u.a. für die Verschönerung des Dorfes sorgt und so-mit auch Anteil am nächsten Punkt hat.

Schon zur Zeit der Sommerfrische wurde Wülfringhausen für seinen gepflegten Zustand ge-lobt – eine Tradition, die sich fortgesetzt hat bis in die heutige Zeit. So hat es 1988 und 1990 den Kreiswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen.

5 Literaturverzeichnis

Melk, U. (2001): Chronik von Wiehl 1131-1920, 384 S., Wiehl.

Woelke, J. (1989): Machtvolle Architektur. Öffentliche Bauten und Fabrikantenvillen der Jahrhundertwende. In: Oberbergische Abteilung 1924 e.V. des Bergischen Geschichtsvereins (1989, Hg.): Beiträge zur Oberbergischen Geschichte, Band 2, Gummersbach S. 105-119.

Lauff, S. (1977): Wiehl im Wandel der Zeiten 1850-1950, 264 S., Meinerzhagen

Rathert, D.: Wiehl und Bielstein in der Zeit des Nationalsozialismus, Teil C, IV. Als der Naherholungstourismus noch Sommerfrische hieß. Aktenordner, Wiehler Stadtbücherei.

Archiv Wiehl 417, Verwaltungsbericht der Gemeinde Wiehl für das Rechnungsjahr 1929, S. 26

Archiv Wiehl 1427, Schreiben der Gemeindeverwaltung an das Finanzamt Gummersbach, betr. Einnahmen aus der Tropfsteinhöhle in den letzten 10 Jahren

Gemeinnütziger Verein Wülfringhausen e.V. (Hg.) (1992): Wülfringhausen im Zeitablauf 1575-1990. Eine Dorfchronik aus dem Oberbergischen. 176 S., Waldbröl.

Verkehrsbüro des Bürgermeisteramtes Wiehl (Hg.) (1926): Wiehl im Oberbergischen. Gummersbach.

Unterstützung von: Melk, U. und Heuser, A.